Die Illusion vom perfekten Leoparden-Paket

Der Bundeskanzler sprach lange darüber, warum Deutschland nun 14 Leopard-Kampfpanzer vom modernen Typ A6 an die Ukraine liefern wird. Nur wenige Worte hatte er für eine andere wichtige Frage übrig: Wer liefert sonst noch? Und wie groß wird die Kampfpanzer-Koalition am Ende sein? „Es gibt viele Länder, die gerne mitliefern wollen“, sagte Olaf Scholz im Bundestag. „Wir werden das koordinieren.“

Seit zwei Wochen dringt Polen auf ein breites Bündnis von Ländern, die Leoparden liefern. Aber zuletzt wurden hinter den Kulissen zwei andere, dringlichere Fragen gelöst: Liefert Deutschland als Schlüsselstaat eigene Kampfpanzer – und liefern auch die USA? Erst jetzt, wo dies geklärt ist, geht es an die Detailarbeit für die internationale Koalition. Viele Puzzlestücke sind schon bekannt – und aus dem Nebel formt sich ein grobes Bild.

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Leopard-Lieferung

Seit Wochen weisen Militärexperten daraufhin, dass es sinnvoll wäre, wenn die Ukraine möglichst einheitliche Versionen des Panzers erhalten würde. Aber es zeichnet sich nun ab, dass dieses Ideal angesichts der politischen und militärischen Realitäten nur Wunschdenken bleibt. Alles deutet darauf hin, dass kein Land sich zu stark exponieren will, und dass die Ukraine von vielen Ländern jeweils eine geringe Zahl von Kampfpanzern erhalten wird – womit es auf einen Flickenteppich an Versionen hinausläuft.

Auch in der Ukraine rechnet man damit: „Die Hauptsache ist, dass westliche Kampfpanzer ankommen“, heißt es gegenüber WELT aus Regierungskreisen in Kiew. „Alles andere ist drittrangig. Wird sind daran gewöhnt, dass wir ein Potpourri an Waffen bekommen. Diese Erfahrung hatten wir bis jetzt immer gemacht.“

Quelle: AFP Grafik, Infografik WELT

Wie also wird das Potpourri aussehen? Die Bundesregierung teilte mit, dass insgesamt zwei Panzerbataillone mit Leopard 2 an die Ukraine geliefert werden sollen. Bei der Bundeswehr besteht ein solches Bataillon aus jeweils 44 Panzern. Das Ziel wäre also, dass die europäische Leopard-Koalition insgesamt etwa 88 der Kampfpanzer an die Ukraine liefert.

Insgesamt besitzen 13 europäische Staaten zusammen rund 2000 Leopard-Panzer. Ungarn dürfte aufgrund seiner relativ russlandfreundlichen Position als Lieferant ausfallen. Bei elf Staaten wäre eine Beteiligung realistisch. Ein wichtiger Teil der Kampfpanzer könnte auf das Modell 2A6 entfallen, das auch Deutschland liefert.

Neben den 14 deutschen Panzern haben die Niederlande bereits 18 Leoparde dieser Version zugesagt, die Den Haag von Deutschland geleast hat. „Wir haben sie geleast, das heißt, dass wir sie kaufen können, das heißt, dass wir sie spenden können“, sagte Premierminister Mark Rutte am Dienstag der „FAZ“. Wie die Zeitung „Correio da Manhã“ am Mittwoch berichtete, ist außerdem Portugal bereit, vier seiner 37 Leopard-2A6-Modelle an die Ukraine zu liefern.

Spanien könnte 53 Leopard-2A4-Panzer liefern

Neben diesen insgesamt 36 Panzern aus Deutschland, Portugal und den Niederlanden könnte auch Spanien weitere 2A6-Versionen liefern, von denen es 219 Stück besitzt. Allerdings handelt es sich dabei um sogenannte Leopard 2E, eine speziell für das spanische Heer angepasste Version. Daneben aber hat Spanien auch noch 108 eingelagerte Leoparden vom Typ 2A4.

Wie die Zeitung „El Mundo“ am Mittwoch berichtete, habe sich jüngst herausgestellt, dass 53 der Leopard-2A4-Panzer in gutem Zustand und lieferbar seien. Die spanische Verteidigungsministerin Margarita Robles sagte am Mittwoch, ihr Land sei bereit zu liefern – wie viele und welche Panzer es genau werden, hänge von der Abstimmung mit den Verbündeten ab.

Leopard 2 und Marder im Verbund – „Das kann zum Game-Changer werden“

Deutschland liefert nun doch Leopard-2-Kampfpanzer an die Ukraine. Im Verbund mit dem Marder könnte das zum Game-Changer werden, sagt WELT-Redakteur Marian Grunden. Er erklärt, wie sich die beiden Panzen ergänzen.

Quelle: WELT / Marian Grunden

Allein die große verfügbare Zahl könnte dazu führen, dass man sich entscheidet, aus Spanien die 2A4-Panzer zu liefern. Zumal Polens 14 zugesagte Leoparden ebenfalls zu dieser Version gehören könnten. Auch Norwegen will vier bis acht seiner 36 Leopard-2A4-Exemplare an die Ukraine liefern, wie mehrere Medien am Mittwoch berichteten. Eine offizielle Entscheidung sei noch nicht gefallen.

Auch aus Finnland werden Leopard-Panzer kommen. Das Land besitzt wie Spanien die beiden Varianten A4 und A6, jeweils 100 Exemplare. Bisher ist unklar, welche der Panzer die Regierung in Helsinki der Ukraine anbieten würde.

Leopard für die Ukraine

So deutet sich an, dass der größte Teil der Leopard-Panzer auf die Typen A4 und A6 entfallen könnte. Aber in Kiew wird man sich wohl auf weitere Varianten vorbereiten müssen. Wie der US-Sender ABC unter Berufung auf ukrainische Regierungsquellen berichtete, ist auch Dänemark zu einer Leopard-Lieferung bereit. Kopenhagen verfügt ausschließlich über 44 Stück des Leopard 2A7, der modernsten Version des Kampfpanzers.

Schweden seinerseits besitzt 120 Leopard-Panzer des Modells A5. Verteidigungsminister Pål Jonson schloss am Mittwoch nicht aus, Panzer zu liefern. Derzeit werde dies nicht vorbereitet, aber zu einem späteren Zeitpunkt könnte sich Stockholm der Koalition anschließen.

Rund 100 Panzer könnten etwas bewirken

Belastbare Zusagen existieren derzeit somit für 36 Panzer vom Typ A6, sowie für maximal 22 Exemplare des A4, damit also insgesamt für 58 Panzer. Eine größere Zahl Leoparde könnte aus Spanien kommen. Auch Tschechien und die Slowakei könnten noch eine Rolle spielen: Sie sollen knapp 30 Leopard 2A4 aus Deutschland im Zuge eines Ringtausches erhalten, nachdem sie alte Sowjet-Panzer an die Ukraine geliefert haben. Ein immer wieder vorgebrachter Gedanke ist, dass zumindest ein Teil der Panzer stattdessen direkt an die Ukraine geliefert werden – und Deutschland die Ringtausch-Lieferungen später vornimmt.

Quelle: Infografik WELT

Über die meisten Leoparden in Europa verfügt Griechenland, Hunderte Exemplare der Versionen 2A4 und 2A6. Bisher hat Athen allerdings keine Bereitschaft signalisiert, an die Ukraine zu liefern, weil es sich in einem Rüstungswettlauf mit der verfeindeten Türkei befindet, die selbst über eine große Zahl von Leoparden verfügt. Griechenland dürfte sich also vermutlich nur mit einem eher kleinen Beitrag beteiligen, wenn es sich der Koalition überhaupt anschließt.

Fest steht aktuell nur die von der Bundesregierung bestätigte angepeilte Gesamtzahl der zwei Bataillone, was nach Bundeswehr-Standards 88 Leoparden entspricht. Das ist deutlich weniger als die von der ukrainischen Armee veranschlagte Zahl von 300 benötigten Kampfpanzern. Aber, um einen Unterschied auf dem Schlachtfeld zu machen, reichen laut Experten auch weniger der Panzer.

Kampfpanzer

„Es ist davon auszugehen, dass rund 100 Leopard-Panzer benötigt würden, um die Kämpfe irgendwie entscheidend zu verändern“, schreiben die Militärexperten des renommierten International Institutes for Strategic Studies (IISS). „Eine kleinere Zahl wäre zwar politisch bemerkenswert, aber nicht mehr als eine symbolische Geste.“

Quelle: dpa Infografik, Infografik WELT

Die 100er-Marke wird allerdings gemäß der aktuellen Planungen allein mit den Leoparden verfehlt. Auf eine dreistellige Zahl kommt man nur dann, wenn man die 31 Abrams-Panzer der USA und die 14 Challenger-Panzer von Großbritannien hinzuzählt, die ebenfalls versprochen sind. Unter dem Strich würde die Ukraine gemäß der jetzigen Planung rund 130 moderne Kampfpanzer aus dem Westen erhalten.

Es wird sich also um ganz verschiedene Versionen von Leoparden handeln, um Challenger und Abrams. Ein Potpourri. Als sicher kann deshalb gelten, dass die Ukraine eines ihrer großen Talente in diesem Krieg erneut unter Beweis stellen werden muss: Flexibilität.

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