Wenn es keine Grenzen gibt

Von Hubert Gigler

Was passiert, wenn eine Mikaela Shiffrin in Topform und ohne Handicap in ein Skirennen startet? Die Annahme, dass sie dieses gewinnen wird, ist kein großes Wagnis, der Tipp ein sehr heißer. Da stellt sich dann lediglich noch die Frage nach der Distanz, welche die Amerikanerin zwischen sich und dem Rest der alpinen Brettl-Welt legt. Beim zweiten Riesentorlauf am Kronplatz in Südtirol holte sich die noch nicht 28-Jährige ihren 84. Weltcupsieg, den zehnten in der für sie so perfekt laufenden Saison. Und dabei war sie nicht einmal auf dem Höhepunkt ihrer Kräfte. Sie fühlte sich ausgesprochen müde, und im ORF-Interview lieferte sie auch gleich eine Erklärung dazu. Sie befinde sich gerade in einer ungünstigen Phase ihres Monatszyklus, meinte sie. Das hielt die Ausnahmekönnerin nicht davon ab, die Konkurrenz deutlich abzuhängen. Die zweitplatzierte Norwegerin Ragnhild Mowinckel hatte bereits 0,82 Sekunden Rückstand. Shiffrin hatte die Basis für ihren sechsten Riesentorlauf-Erfolg in dieser Saison mit einem fantastischen ersten Lauf gelegt.

Schon am kommenden Wochenende könnte die Rekordjägerin den nächsten Meilenstein ihrer einmaligen Karriere setzen. In Spindlermühle im tschechischen Riesengebirge sind zwei Slaloms zu absolvieren. Landet Shiffrin einen Doppel-Erfolg, ist die lange Zeit für unerreichbar gehaltene Bestmarke des Ingemar Stenmark mit 86 Weltcupsiegen geknackt. Doch für eine Shiffrin gibt es sowieso keine Grenzen. „Es ist möglich“, meinte sie und untermalte dies mit einem herzlichen Lachen.

Nicht so zum Lachen zumute ist weiterhin den Österreicherinnen. Allerdings erscheint mit Julia Scheib ein Silberstreif am Horizont. Stück für Stück rückt die Steirerin aus Frauental näher an die Weltspitze heran. Platz elf bedeutete das bisher beste persönliche Ergebnis. Im zweiten Lauf war Scheib bis zur letzten Zwischenzeit sogar die Schnellste des gesamten Feldes. Weil sie dann noch viel Zeit verlor, gab sich die 24-Jährige unzufrieden. „Ich bin ziemlich ang’fressen, weil ich den letzten Hang überhaupt nicht mehr derfahren bin“, ärgerte sich Scheib. Sie hat zweifellos Potenzial, daher will sie auch „das Gute mitnehmen“. Jedenfalls hat sich Scheib mit ihren starken Leistungen als Nummer eins des rot-weiß-roten Teams etabliert. „Es ist unglaublich, was sie abliefert“, meinte Rennsportleiter Thomas Trinker.

Die übrigen ÖSV-Läuferinnen bewegten sich dafür nur im Mittelmaß oder sogar jenseits der Toleranzgrenze. Für ein Quartett gab es nicht einmal einen zweiten Durchgang, und Katharina Liensberger wurde nach einem völlig verpatzten zweiten Lauf als 28. und damit Letzte klassiert. Die Nominierung des österreichischen Damen-Riesentorlauf-Teams für die Weltmeisterschaft in Courchevel/Meribel ist wahrlich keine einfache Aufgabe.

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