„Energiewende-Irrwege“: Neue Technologien kein Allheilmittel

Als „Irrwege in der Energiewende“ wurden etwa die Hoffnungen auf eine umfassende Wasserstoffwirtschaft oder effiziente CO2-Abscheidungen aus der Luft bezeichnet. Dabei dränge die Zeit. „Was wir jetzt nicht entscheiden, ist 2030 nicht realisiert“, sagte BOKU-Professor Gernot Stöglehner. Stöglehner ist Leiter des Instituts für Raumplanung, Umweltplanung und Bodenordnung und Koordinator des BOKU-Energieclusters, das die Veranstaltung organisiert hatte. „Wir sehen viele Aktivitäten, aber es fehlt ein Überbau: Wir haben keine strategische Planung für die Energiewende. Das halte ich für eine Fahrlässigkeit“, kritisierte er das Fehlen von klaren Vorstellungen und koordinierten Rahmenbedingungen. „Zur Zeit sind wir nur am Pflasterkleben. Es muss aber Zielklarheit geben!“ Es brauche etwa Änderungen bei Steuern, Förderungen und bei der Raumplanung, ohne die es „Landnutzungskonflikte“ geben werde. Darauf zu warten sei dennoch falsch: „Es gibt sinnvolle Dinge, mit denen wir anfangen können. Wir sind nach wie vor am Anfang. Die gesellschaftliche Aufgabe ist riesig!“

Energiewende nicht mit nur einer Energieform

Mit Stöglehner zeigten sich alle Fachleute einig, dass man sich bei der Energiewende nicht auf eine einzige Energieform stützen könne, sondern es „einen bunten Strauß an Technologien“ brauche. Für Michael Narodoslawsky vom Institut für Prozess- und Partikeltechnik an der TU Graz zählt etwa Wasserstoff nur zu den „psychologisch netten Lösungen“: „Für mich ist das ‚Warten auf Godot‘: Wir sitzen in unserer Hängematte, warten darauf, dass Öl durch Wasserstoff ersetzt wird und müssen uns nicht ändern. Es gibt aber einen Spielverderber, das ist die Effizienz.“ Es gebe zwar Bereiche, wo Wasserstoff sinnvoll eingesetzt werden könne, nicht jedoch als Energiespeicher: „Das ist grober Unfug. Das ist teuer, ineffizient und unpraktikabel. Sie können schon Wasserstoff verwenden – so, wie Sie auch aus Gold Häuser bauen können.“ Das gesamte gesellschaftliche und politische System werde sich in vielen Bereichen verändern müssen. Die oft vertretene Ansicht, dass Österreich Richtung Klimaneutralität ohnedies gut unterwegs sei, stimme nicht: „Wir waren vor 30 Jahren gut, im Moment sind wir in den Lösungen der Energiewende eher hinten dran als vorneweg.“

Enormer Energieaufwand

Für Tobias Pröll vom Institut für Verfahrens- und Energietechnik der BOKU ist etwa Schweden im Einsatz von Dekarbonisierungstechnologien in der Industrie weit vorne. Die Abscheidung von CO2 aus der Umgebungsluft und ihre dauerhafte geologische Einlagerung sei dagegen zwar technisch sehr gut möglich, aber mit einem so enormen Energieaufwand verbunden, der diese Lösung ad absurdum führe. Als einen weiteren Irrglauben nannte Magdalena Wolf vom Institut für Verfahrens- und Energietechnik der BOKU die Vorstellung, dass Grünes Gas die Lösung zur Gebäudeheizung sein werde. Bei Power-to-Gas-to-Heat-Technologien (P2G2H) träten bei jedem Umwandlungsschritt Energieverluste auf. Wärmepumpen lieferten bei gleichem Energieeinsatz die sechsfache Wärmeenergie. „Können und wollen wir uns diesen Energieverlust leisten?“

Derzeit trägt der Gebäudesektor mit zwölf Prozent zum Treibhausgasausstoß bei und belegt dabei Platz drei hinter Industrie und Verkehr. Ein flammendes Plädoyer für Sanierung anstelle von Neubau hielt Doris Österreicher vom Institut für Raumplanung, Umweltplanung und Bodenordnung der BOKU. Die technischen Möglichkeiten, mit großflächigen Sanierungen zur Energiewende beizutragen, seien vorhanden, „aber der gesellschaftliche und der politische Wille sind nicht da. Es gibt etliche Gesetze, die das verhindern. Da gehört ausgemistet. Wir müssen an einem positiven Narrativ arbeiten. Derzeit ist Sanierung nicht so sexy wie ein Neubau. Das müssen wir ändern!“ Wesentlich radikaler war da die Forderung der Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb aus dem Publikum, die auch angesichts der rasant fortschreitenden Bodenversiegelung in Österreich einen komplette Neubaustopp anregte: „Wir sind ausgebaut!“ (APA/red)

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