Reptilienauffangstation: „Die Räume bröseln über uns zusammen“

Vor einem halben Jahr war Markus Baur noch zuversichtlich, dass der Durchbruch geschafft ist und in absehbarer Zeit ein Bauantrag für die Reptilienauffangstation bei Neufahrn gestellt werden kann. Doch da die Preise in der Baubranche explodiert sind, sind die Planungen erneut ins Stocken geraten. Obwohl ein Puffer in Höhe von zehn Prozent berücksichtigt worden sei, werde die auf zehn Millionen Euro gedeckelte Investitionssumme nicht ausreichen, sagt der Stationsleiter. Er hofft, dass sich der Landtag noch einmal der Sache annehmen und einen höheren Betrag genehmigen wird. Das aber kann dauern.

Deshalb wird Baur die Gemeinderäte in Neufahrn Anfang des neuen Jahres um einen weiteren Aufschub bitten, denn eigentlich müsste der Bauantrag bis Ende Juni 2023 eingereicht werden. Sonst kann die Gemeinde das Grundstück zurückfordern.

Von den ursprünglichen Plänen ist nur ein „Torso“ geblieben

„Nebulös“, antwortet Baur kurz und knapp, wenn man ihn nach dem aktuellen Sachstand fragt. Wie es jetzt weitergeht, weiß er nicht. In den vergangenen eineinhalb Jahren sei intensiv geplant worden, die Architekten hätten im Juni eine „sehr vertiefte Kostenberechnung“ für mehrere abgespeckte Lösungen vorgelegt. 9,8 Millionen Euro veranschlagten sie für einen „Torso“, wie Baur es nennt, der ursprünglichen Pläne. Fest steht, dass wohl nur die in einem Uni-Gebäude an der Kaulbachstraße untergebrachte Hauptstation von München nach Neufahrn umziehen wird. Das Exotenhaus in Riem und die gepachteten ehemaligen Gewächshäuser im Norden der Landeshauptstadt, in denen überwiegend Schildkröten untergebracht sind, können aus Kostengründen nicht verlagert werden.

Möglich ist auch, dass die Büros an der Kaulbachstraße bleiben müssen. Gestrichen werden muss zudem voraussichtlich die Tierpflegerwohnung auf dem zwischen Dietersheim und Mintraching gelegenen Grundstück, obwohl die laut Markus Baur eigentlich dringend erforderlich wäre, da sich auch Raubkatzen und Giftschlangen auf dem Gelände befinden werden. Das benachbarte Tierheim sei nicht immer besetzt. Doch trotz dieser Streich-Versionen: Durch die Teuerung werden die zehn Millionen nicht reichen.

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Die Auffangstation beherbergt viele Schildkröten.

(Foto: Catherina Hess)
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Auch Schlangen wie diese Teppichpython finden in der Auffangstation eine – vorübergehende – Bleibe.

(Foto: Florian Peljak)

Noch im Sommer waren die Unterlagen für den Neubau zur Prüfung an die Regierung von Oberbayern übergeben worden. Baur war zunächst optimistisch, vielleicht schon bis Herbst eine Freigabe zu erhalten, um anschließend die Baugenehmigung beantragen zu können. Doch daraus wird vorerst nichts. Die Regierung habe sich an das bayerische Umweltministerium gewandt, sagt Baur. Das müsse nun entscheiden, wie es weitergeht. Er hofft, dass der Ministerrat und der Landtag noch einmal beraten und das Budget aufstocken werden.

Entgegenkommen zeigt der Freistaat bereits angesichts der stark gestiegenen laufenden Kosten. Aus dem Härtefallfonds Bayern erhält die Reptilienauffangstation in den kommenden zwei Jahren insgesamt bis zu 600.000 Euro, wie der Freisinger Landtagsabgeordnete Benno Zierer (FW) mitteilt. Die Verantwortlichen des Trägervereins hätten sich an ihn mit der Bitte um Unterstützung gewandt. Tierheime und Gnadenhöfe, die durch den Kostenanstieg in ihrer Existenz gefährdet sind, könnten auf Antrag ebenfalls einen Zuschuss bekommen.

Die Auffangstation stand kurz vor dem Aus

Auch die Zukunft der Auffangstation stand laut Baur aus mehreren Gründen schon kurz vor der Pleite. Wegen der Pandemie habe es kaum noch Beschlagnahmungen von Tieren gegeben, aus Gründen des Infektionsschutzes seien Tierschutzkontrollen massiv zurückgefahren worden. Damit fiel für die Auffangstation eine wichtige Einnahmequelle weg. Auch Schulungen, etwa für Bundeswehrsoldaten vor einem Auslandseinsatz, konnten nicht stattfinden. Etwa 1,2 Millionen Euro benötigte die Einrichtung bisher, vor den Kostensteigerungen, pro Jahr, rechnet Baur vor. Der Öltank für die Glashäuser beispielsweise müsse alle vier Wochen befüllt werden. 340 000 Euro steuert der Freistaat jährlich. In anderen Bundesländern gibt es laut Baur gar keine staatliche Unterstützung. Etwa 2500 Tiere betreut die Auffangstation, 20 Mitarbeitende kümmern sich um sie.

Das zurückliegende Jahr nennt Markus Baur „sehr spannend“ und fügt hinzu: „Ich glaube, ich bin um Jahre gealtert“. Dank des Zuschusses aus dem Härtefallfonds werde er Weihnachten aber gut schlafen. „Ich dachte den ganzen Sommer über, wir müssen zusperren.“ Was ihm vor allem Sorgen bereitet habe, seien die völlig unkalkulierbaren Preissteigerungen für das Futter. „Über die Wintermonate benötigen wir europalettenweise Obst, Gemüse und Salat.“ Auch Spenden fließen inzwischen wieder.

Ein Umzug wäre dringend notwendig

Was wäre passiert, wenn die Auffangstation tatsächlich in die Pleite gesteuert wäre? Markus Baur weiß es nicht. Für ihn gibt es beim Tierschutz große Defizite. Die Münchner Einrichtung sei die einzige in Deutschland, die Gifttiere aufnimmt. Zwar sei der Tierschutz als Staatsziel im Grundgesetz verankert, doch bei der Umsetzung „ist Deutschland Entwicklungsland“, kritisiert er. Es gebe nicht genug Unterbringungsmöglichkeiten. Deshalb beherbergt die Reptilienauffangstation auch Raubkatzen und Affen. Auf den Kosten aber bleibe sie sitzen. Die Regelungen seien ein „zahnloser Tiger“.

Dass mit dem Neubau nichts vorwärts geht, „zehrt schon“, gesteht Baur. Ein Umzug wäre dringend erforderlich. Die Räume „bröseln langsam über uns zusammen“, die Tierpfleger müssten sich auf dem Flur umziehen, es gebe keinen Pausenraum und mit den größeren Tieren könne man nicht richtig arbeiten. „Das ist immer nur eine Notlösung gewesen.“ Das neue Gebäude soll CO₂-neutral sein, noch gibt es dafür eine Förderung, doch keiner weiß, wie lange das der Fall sein wird. Dass nun wieder nichts vorwärts geht, erinnert Baur ein wenig an Becketts Warten auf Godot.

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