Annalena Baerbock: Sieht so feministische Außenpolitik aus?

Die deutsche Außenministerin führt auf ihren Auslandsreisen häufig einen Küchenwecker mit. Er ist kein Spitzenprodukt aus feinmechanischen deutschen Werkstätten, sondern bloß aus Plastik, allerdings mit großer roter Anzeigescheibe, die immer voller wird, je mehr sich die Stunde rundet. Der Wecker dient Annalena Baerbocks Selbstkontrolle.

Meist steht er vor ihr auf einem Tisch. Um sie und um den Tisch herum sitzen dann vielleicht Menschenrechtsanwälte und -aktivisten in Neu Delhi, oder die Insassen eines Wiedereingliederungs-Camps im nordöstlichen Nigeria. Die Ministerin eröffnet dann diese Gesprächsrunden, will die Umstände erklären, die sie hergebracht haben, will ihr Interesse und ihre Neugierde zum Ausdruck bringen, außerdem die Anerkennung für das Engagement derer, die jeweils in der Runde sitzen, und noch viel mehr. Dabei tickt der Wecker, und schnell ist eine Fünf-Minuten-Ecke auf der Stundenscheibe rot.

Baerbock nimmt lange Wege auf sich

Viele Kilometer weit rast ihre Kolonne halsbrecherisch auf indischen Schnellstraßen und über lehmige ukrainische Dorfpisten, um vielleicht eine Stunde im Kreis von Menschen zu gewinnen, die dann in ihrer Lebenswelt von ihrem Leben erzählen können.

Jeder deutsche Außenminister bemüht sich, auf Reisen jenseits der Pflicht- und Protokolltermine in den Hauptstädten dieser Welt kurze Einblicke in andere Milieus zu nehmen. „Gespräch mit der Zivilgesellschaft“ lautet dieser Versuch üblicherweise in der Programm-Sprache des Auswärtigen Amts; oft werden zu diesem Zweck politische Oppositionelle, zivile Aktivisten oder Intellektuelle in die jeweilige deutsche Botschaftsresidenz geladen, um abhörsicher mit dem Gast aus Deutschland reden zu können.

Im November in Usbekistan: Baerbock wird beim Besuch einer Jeans-Fabrik ein Jeansstoff mit ihrem Porträt geschenkt. : Bild: dpa

Baerbock nimmt lieber lange Wege auf sich, um ihre Gesprächspartner dort zu treffen, wo sie beheimatet sind; in Klassenzimmern, im Dorfgemeinschaftshaus, am Rand eines Minenfelds. Sicher, das ergibt auch stimmigere, „schönere“ Bilder, besseres Futter für mitreisende Fernsehteams oder den amtseigenen Instagram-Kanal, der schon ihren Vorgänger Heiko Maas mit einer eigenen Bildersprache in Szene setzte und jetzt Baerbocks Unternehmungen darstellt. Aber die Besuchten sprechen auch offener, verraten mehr aus ihrem Leben, wenn sie in ihrer eigenen Umgebung erzählen können.

Mitunter ginge es gar nicht anders. In Usbekistan findet Baerbocks Gespräch mit Einheimischen in einem Frauenhaus statt. Und auch der usbekische Ministerkollege Wladimir Norow, der überraschenderweise dem deutschen Gast eineinhalb Tage lang nicht von der Seite weicht, muss dort draußen vor der Türe warten.

In Neu Delhi steht die Außenministerin in den Dampfschwaden einer Armenküche, barfuß und mit provisorischem Kopftuch – der Speisesaal gehört zu einer Tempelanlage der Sikhs. In einem ländlichen Vorort von Mariupol trifft sie Anfang Februar eine Frauenriege, deren robust wirkende Mitglieder ihren Alltag schildern, bis manchen die Tränen kommen. Es geht um traumatisierte Männer, um Alkoholsucht, um die seelischen Verwüstungen, die der jahrelange Abnutzungskrieg entlang der ukrainisch-separatistischen Kontaktlinie schon verursachte – zwei Wochen bevor der befürchtete russische Überfall auf die Ukraine beginnt.

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