Freiwasserbojen: Freigeschwommen

Die Nacht vom ersten auf den zweiten Weihnachtsfeiertag war unruhig auf Rai Leh, einer paradiesischen Halbinsel im Süden Thailands. Über ihrem Bungalow hörte Monika Keck laute Tiere. Kreischende Affen in den Bäumen, Ratten liefen umher. Sie dachte sich dabei nichts, wurde am frühen Morgen nur kurz wach und schlief gleich wieder ein.

Es sollte eine Auszeit werden. Ihren Jahresurlaub im warmen verbringen, das wollte die damals 35-Jährige, wie viele andere auch. Also ab ins Paradies zum Sonnenbaden, Schnorcheln, Abspannen. Später als sonst ging Keck am Morgen des 26. Dezember zum Frühstück – wegen der nächtlichen Unruhestifter hatte sie verschlafen. Zu ihrem Glück, wie sich später herausstellen sollte.

Ein Freitagnachmittag im Café Reis am verschneiten Gilchinger Marktplatz. Monika Keck, 53, kurze schwarze Haare, ein Kleid mit Tulpen. Neben ihr auf der Bank liegt eine Mappe mit einem Zeitungsartikel, der kurz nach der Katastrophe erschien. In ihrer Hand das Smartphone mit Fotos ihrer Reisen: Darunter eine Tafel aus dem Tsunami-Museum in Khao Lak, dem Ort, wo besonders viele Menschen ums Leben kamen, mit den Totenzahlen. Ihre Geschichte, die glimpflich ausging – und für die sie auch eine Botschaft für die Menschen im Fünfseenland mitgebracht hat.

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In Khao Lak sind bei dem Tsunami besonders viele Menschen ums Leben gekommen.

(Foto: Rungroj Yongrit/dpa)

Der 26. Dezember. Auf der Frühstücksterrasse fiel Kecks Blick auf die etwa einen halben Kilometer entfernte Küste. Was sie sah, kam ihr ungewöhnlich vor: „Ich habe nur einen weißen Streifen gesehen und die Boote auf dem Wasser haben sich merkwürdig bewegt“, sagt sie. Dann seien Menschen schreiend an ihr vorbeigelaufen. Die pure Neugier zog sie auf direktem Weg an die Küste – ein Paradox, dem viele unterlagen: trotz ungewöhnlicher Wellen und kenternder Boote nicht weglaufen, sondern der Gefahr entgegen. Keiner ahnte etwas von einem Tsunami, auch Keck selbst kam der Gedanke daran erst viel später.

Unten am Strand fand sie ein blankes Chaos vor: zerstörte Boote, panische Menschen, zappelnde Fische auf dem Sand. „Ich dachte damals, die Wellen wären wegen des Vollmonds einfach höher gekommen als sonst“, sagt Keck. Heute weiß sie: Die erste Tsunami-Welle hatte die Küste bereits getroffen. Weiter den Strand entlang vernahm sie ein lautes Rauschen, das ihren Puls bis heute steigen lässt. Plötzlich hörte sie einige Thailänder in der Landessprache hinter sich schreien. Sie fuchtelten wild mit ihren Armen und Keck wurde klar: Sie muss rennen, denn eine zweite Welle raste auf den Strand zu. Und sie rannte.

„Ich hatte maximale Todesangst“, sagt Keck

Was danach geschah, daran erinnert sie sich nicht mehr. Eines aber weiß Keck: „Ich hatte maximale Todesangst.“ Verbunden mit absoluter Hilflosigkeit gegenüber den Naturgewalten sei das das Schlimmste gewesen. Ihre Erinnerung kommt zurück, als sie sich etwas erhöht auf einem Hügel wiederfindet. Ein Blick nach hinten: „Das Wasser steht, es steigt nicht weiter.“

Im Café lässt Keck einen Löffel Honig in ihren dampfenden Tee fließen. Besonnen und mit ruhiger Stimme erzählt sie von dem, was sie 18 Jahre zuvor in großer Panik erlebte – die Dramatik kann man sich nur denken, in ihrer Stimme ist sie nicht zu hören. Das Unterwasserbeben vor der Nordwestküste der indonesischen Insel Sumatra hatte eine Stärke von 9,1 und gilt als das drittstärkste jemals gemessene Erdbeben. Es löste eine Reihe von Tsunamis aus, die bis an die afrikanische Küste und nach Thailand reichten. Insgesamt starben 230 000 Menschen, darunter 537 Deutsche. Über 100 000 wurden verletzt, 1,7 Millionen verloren ihr Dach über dem Kopf.

Auf einem Plateau oben am Hügel zeichnete sich ein Bild „wie im Krieg“, so Keck: Verletzte lagen kreuz und quer, sie schrien, wurden provisorisch auf Bambus-Stangen transportiert. Völlig „im Funktionsmodus“, wie sie es nennt, bot sie den bereits Versorgten Schmerzmittel an. Es dauerte Stunden bis ein Hubschrauber am Strand landen konnte, um die Verletzten abtransportieren zu können. Mit den Gedanken war die damals 35-Jährige immer bei der Flut. Denn Nachbeben unter der Meeresoberfläche können weitere Tsunami-Wellen verursachen. Das entnahm sie aufgestellten Schildern vor Ort: „Nächste große Welle“ in englischer Sprache war darauf zu lesen, und eine Uhrzeit. Kommt das Wasser also hoch bis aufs Plateau?, fragt sich Keck. Würde sie diesen Tag überstehen? Zwischenzeitlich hatte sie mit dem Leben abgeschlossen – und überlebte doch.

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Rund 230 000 Menschen starben bei dem Tsunami-Unglück.

Am Folgetag half Keck beim Aufräumen. „Ich musste etwas tun“, sagt sie und und bittet die Kellnerin im Café um einen weiteren Tee. Wieder lässt sie den Honig langsam in das dampfende Glas laufen. Die geplante Weiterreise in die Hauptstadt Bangkok trat Keck zwar an, doch nahm sie nicht wirklich etwas wahr. Am Flughafen in der 33 000-Einwohner-Stadt Krabi im Süden Thailands wird sie als Überlebende freudig empfangen. Anhand der 40 Vermissten- und Todeslisten, die dort hängen, wird klar, wie viel Glück sie hatte. Erst als sie am 9. Januar 2005 zurück nach Deutschland kommt, realisiert sie das selbst.

Im Café wirkt Keck nachdenklich. Wirklich zurück ins Leben fand die gebürtige Münchnerin zunächst nicht. Die Wellen hatten Spuren hinterlassen. Sie bekam Alpträume vom Ertrinken, hatte ein schlechtes Gewissen, überlebt zu haben, während andere starben. Keck begab sich in Therapie und begann, die Trauma-Folgen aufzuarbeiten, die sie durch die existenzielle Bedrohung des Tsunamis erlitt.

Wie konnte es weitergehen? Keck beschloss, zu kämpfen, aus der Not eine Tugend zu machen. 2009 ging sie zur Wasserwacht. Mit einer Gruppe von Kindern, mit denen sie als Sozialpädagogin arbeitete, sollte Keck einen Tag am See verbringen. Doch es fehlte eine Rettungsschwimmerin. Diesem Mangel nahm sich Keck an, sie machte das Rettungsschwimmerabzeichen in Bronze, Silber und Gold. Drei Jahre arbeitete sie als Schwimmlehrerin in Fürstenfeldbruck, unter anderem mit traumatisierten Kindern. Das Schwimmen sollte von nun an ein ständiger Begleiter in ihrem Leben sein.

Vor drei Jahren gründete Keck die Initiative „5-Seen-Freiwasserschwimmen“. Das Ziel: Aufmerksamkeit schaffen für die ambulante Hospizarbeit, die eine Betreuung Sterbender zu Hause ermöglicht und oft von der Krankenkasse bezahlt wird. In dieser Zeit arbeitete sie selbst als Koordinatorin in dem Bereich. „Meine Mutter war begeisterte Schwimmerin, bevor sie starb“, sagt Keck. Sie wollte „noch einmal schwimmen“. Unter diesem Motto durchquert Keck mit einer wachsenden Gruppe aus zuletzt 15 Leuten einmal im Jahr alle Seen im Fünfseenland und sammelt Spenden für den Hospizdienst.

Vor drei Jahren gründete Monika Keck die Initiative „5-Seen-Freiwasserschwimmen“.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Beim Schwimmen immer im Gepäck: ihre Freiwasser-Schwimmboje, die sie auch mit zum Gespräch ins Café gebracht hat. Ein orangener, aufblasbarer Plastiksack, den man sich mit einem Gurt um den Bauch schnallen kann, liegt neben ihr. Beim Schwimmen in offenen Gewässern zieht man die Boje hinter sich her und bleibt für andere Schwimmer und Bootsfahrer sichtbar. Aber stört das nicht beim Schwimmen? „Nein“, sagt Keck, die Boje schwebe quasi hinter einem her. Und: „Sie kann Leben retten.“ Wenn jemand einen Krampf habe, „dann kann er sich auf die Boje legen und geht nicht unter“, betont Keck und legt ihre Arme beispielhaft auf den orangenen Schwimmkörper. Seit ihrem Trauma-Erleben in Thailand setzt sie sich für die Nutzung dieser Bojen im Fünfseenland ein. Gemeinsam mit den örtlichen Wasserwachten, die das „5-Seen-Freiwasserschwimmen“ begleiten, verbreitet Keck Bilder der Bojen über Facebook. „Die Wasserwachten freut das, sie reposten meine Beiträge“, sagt sie. Das sei eine gute Zusammenarbeit und die Leute könnten die Bojen im Einsatz sehen.

Den Nutzen der Bojen bestätigt auch Oliver Jauch von der Kreiswasserwacht Starnberg: „Besonders bei Bootsverkehr auf dem See sind diese Bojen mehr als hilfreich“, sagt er. Damit bezieht er sich auch auf den dramatischen Unfall im Sommer, als ein Schwimmer im Starnberger See von einem Motorboot überfahren wurde. Es brauchte Tage, den Körper des 32-Jährigen in dem riesigen See zu orten und zu bergen.

„Besonders bei Bootsverkehr auf dem See sind diese Bojen mehr als hilfreich“, sagt Oliver Jauch.

Es war längst nicht das einzige Unglück – denn immer mehr Menschen können schlicht nicht schwimmen oder unterschätzen die Lage auf dem offenen See. Im Mai kenterten zwei Tretbootfahrer vor Herrsching. Der 27-Jährige konnte noch bewusstlos gerettet werden, sein 59-jähriger Begleiter ertrank. Genau wie eine 90-Jährige, die im Juni vor Feldafing im Starnberg See unterging und nicht mehr reanimiert werden konnte. Im Juni ging ein 77-Jähriger im Raistinger Baggersee plötzlich unter, er starb später im Krankenhaus. „Es ist traurig, dass vor allem Kinder und Jugendliche nicht mehr gut schwimmen können“, sagt Keck. Sie selbst würde etwa einmal im Jahr jemanden aus dem Wasser ziehen, der zu ertrinken drohe – im Schwimmbad oder eben im See.

2022 gab es neun Vermisstensuchen, zwei Menschen mussten tot geborgen werden

Laut der Starnberger Wasserwacht wurden im vergangenen Jahr 16 Menschen aus Gefahrenbereichen gerettet, es gab neun Vermisstensuchen. Zwei Menschen mussten tot geborgen werden. Zwar habe sich die Lage heuer trotz einiger besonders schwerer Unfälle im Großen und Ganzen „nicht besorgniserregend verschlechtert“, sagt Jauch. Doch klar ist auch: Viele Tote ließen sich leicht verhindern.

Im Café erzählt Keck von ihrer Arbeit im Hospiz, in dem sie bis 2020 drei Jahre lang als Koordinatorin arbeitete. In dieser Zeit war ihr der Tod allgegenwärtig. Sie berichtet von Menschen, die erst in den letzten Stunden von ihren nicht aufgearbeiteten Traumata berichten. Auf die resultierende Frage an sich selbst: „Habe ich mein Trauma endgültig aufgearbeitet?“, folgte ein großes Dilemma: Noch einmal an den Ort des Unglücks 2004 zurückkehren und sich endgültig damit konfrontieren – das war Kecks größter Wunsch und ihre größte Angst. Einen Teil hatte sie ja schon geschafft. Nahezu bedingungslos konnte sie wieder schwimmen, hatte die Alpträume im Griff. Doch endgültig abgeschlossen hatte sie mit dem Thema noch nicht.

Sie entschied sich schließlich dafür. Sie stapfte ins Reisebüro und buchte einen Flug nach Thailand. Mit erlernten Atemtechniken im Gepäck, um Panikattacken vorzubeugen, machte sie sich im Februar 2019 auf den Weg. Und plötzlich stand sie da: An der Stelle des Unglücks, das 15 Jahre zuvor so viele das Leben gekostet hatte, beinahe auch ihr eigenes. Wie war das? „Erleichternd“, sagt Keck. Kein Anflug von Panik, nur das Gefühl, das Trauma endlich aufarbeiten zu können. Prompt fing sie an, ihre Geschichte aufzuschreiben, noch am Strand vor ihrem damaligen Hotel. Bis Mitte dieses Jahres entstand daraus ihr zweites Buch. Der Titel: „Welle der Veränderung“.

Wie geht es Keck heute mit den Erlebnissen? „Das Weihnachtsfest hat sich schon verändert“, sagt sie. Früher sei Weihnachtsdeko ein Trigger für sie gewesen, ein Weihnachtslied habe sogar mal eine Panikattacke ausgelöst. Heute habe das Weihnachtsfest nur noch „einen kleinen Beigeschmack“. Zum Gedenken der Opfer des Tsunamis geht sie am 26. Dezember jedes Jahres in die Andechser Kirche, um eine Kerze anzuzünden. 2005 – zum Jahrestag der Katastrophe – hatte sie sogar einen Gedenkgottesdienst für Hinterbliebene ausgerichtet, mit thailändischem Essen in der Kirche und einer Bilderausstellung. „Ich habe mein Trauma heute aufgearbeitet“, sagt sie. Nun geht es darum, die Traumata der anderen zu verhindern.

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