Warum die Bindung zur Mutter das Leben bestimmt

Beim Abschied umarmte Felix seinen Leih-Opa fest. Er hatte zwar am Tisch nicht viel gesagt – aber ihm war klar, das ist ein neuer Mensch, der ganz für ihn da ist. Das erste Treffen ­zwischen Bernhard Herzog und dem damals Sechsjährigen war perfekt ver­laufen. Herzog hatte sich bereit erklärt, zum Paten-Großvater für den Jungen zu werden. „Bei Felix und mir, da haben sich die Interessen zu 100 Prozent getroffen“, erinnert sich Herzog heute, fast fünf ­Jahre später.

Pia Heinemann

Redakteurin Natur und Wissenschaft

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Felix’ Mutter, alleinerziehend und treibende Kraft hinter dem ungewöhnlichen Opa-Enkel-Paar, er­gänzt: „Meine Familie lebt sehr weit ­zerstreut. Aber es war mir wichtig, dass Felix eine ältere, männliche Bezugs­person be­kommt.“ Aus der Kleinst­familie aus Mutter und Sohn wurde durch die Patenschaft eine neue Familie. „Das war gut für Felix und hat auch mein Leben unglaublich entspannt.“ Und vielleicht hilft der Paten-Opa auch der Gesundheit.

Familie kann der Horror sein, das wird vielen Menschen gerade an Weihnachten bitter klar. Aber Familie kann eben auch genau das Gegenteil sein: der Ort, an dem man sich fallen lassen kann, an dem man auch mal heftig und laut streitet – aber dennoch akzeptiert wird, Wärme, Freude und bedingungslose Unterstützung findet.

Mutter und Vater, Großeltern oder auch ein Paten-Opa wie der von Felix sind für das soziale Wesen Mensch die prägendsten Elemente im Leben. Eine stabile, gute Familie ist für die Psyche essenziell – und tut, wie Wissenschaftler langsam erkennen, auch der körperlichen Gesundheit gut.

Das Konstrukt der Familie ist tief in der Evolution verankert – und im Tierreich keine Selbstverständlichkeit. Bei manchen Lebewesen wie Fischen oder Insekten wird der Nachwuchs nach der Eiablage seinem Schicksal überlassen, bei anderen kümmert sich, wenn überhaupt, ausschließlich die Mutter darum, dass die nächste Generation einen Weg ins Leben findet.

Familienbande sind selten in der Biologie

Dass Väter, Geschwister und sogar Großeltern sich zu einem Verbund, der sogar ein Leben lang hält, zusammentun, ist in der Biologie eher die Ausnahme. Theorien, wieso ausgerechnet bei Homo sapiens zunächst eine enge Kernfamilie aus Mutter, Vater und Kind entstanden ist, die sich um Tanten und Onkel und – als die Lebenserwartung hoch genug war – Großeltern zur Großfamilie erweitert hat, gibt es viele. Sie reichen vom besseren Schutz vor Feinden, leichterer Nahrungsbeschaffung in der Gruppe bis hin zu Entstehung der Empathie.

Fakt ist aber: Familie ist für uns Menschen essenziell – sie formt jeden Einzelnen von Geburt an und kann lebenslang Spuren hinterlassen. Gerade Entwicklungspsychologen und -biologen wissen um den Wert der frühkindlichen Bindung: Demnach bestimmt das frühe Verhältnis von den Kindern zu Mutter oder Vater – oder, neutraler formuliert: zu jeweiligen Fürsorgeperson –, wie resilient und gesund ein Mensch in seinem späteren Leben ist. Das liegt daran, dass sich in den ersten Lebensmonaten die sogenannte Stressachse reift. Sie verbindet Großhirnrinde, Hypothalamus, Hy­pophyse und die Nebennierenrinden.

Wird ein Stressreiz wahrgenommen und als relevant eingeschätzt, so werden Nervenzellen im Hypothalamus aktiviert, wo das CTR-Hormon (Cortico Tropin Releasing Hormon) ausgeschüttet wird. Dadurch wird eine Kaskade von Hormonen freigesetzt, am Ende wird von den Nebennierenrinden Cortisol abgegeben – einer der wichtigsten Stressbotenstoffe des Körpers.

Er stellt die kleinsten Blutgefäße enger, erhöht die Durchblutung zentraler Organe – und sorgt dafür, dass der Körper in einen wachen, reaktions­fähigen Zustand versetzt wird. Die Hormonkaskade der Stressachse wird, wenn kein gefährlicher Tiger zu sehen ist beziehungsweise der Stressfaktor sich als harmlos entpuppt, wieder herunterreguliert – Hypophyse und Hypothalamus werden gedämpft.

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