Im Ukrainekrieg: Die Deutschen müssen ihr Amerikabild korrigieren

Seit dem 24. Februar korrigieren viele Deutsche ihr Russlandbild. Der Schock angesichts des Überfalls Putins auf die Ukraine ist einfach zu groß, um unbeirrt an alten Irrtümern festzuhalten. Was viel weniger ge­schieht, ist eine Korrektur des Ame­rikabildes.

Eckart Lohse

Leiter der Parlamentsredaktion in Berlin.

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Seit dem Zweiten Weltkrieg ist das Schicksal Deutschlands wesentlich bestimmt von den beiden Atommächten Amerika und Russland. Die Bewohner der Bundesrepublik hätten nicht in Freiheit leben können ohne den militärischen Schutz der Amerikaner. Das ist zu oft in Vergessenheit geraten.

Der Umgang vor allem weiter Teile von Grünen und SPD mit Amerika hat lange an das Verhalten von Kindern erinnert, die sich der Liebe und Fürsorge ihrer El­tern so sicher wähnen, dass sie glauben, diesen nach Belieben mit harter Kritik und gar Ablehnung begegnen zu können, ohne Auswirkungen befürchten zu müssen. Das hat den Schrecken über die Drohungen des einstigen Präsidenten Donald Trump, sich nicht mehr an die Sicherheitszusagen der NATO zu halten, in Deutschland so groß werden lassen. Und die Angst vor seiner Wiederwahl.

Mit Waffen haben wir es nicht so

Anders als im Falle Russlands, das die Deutschen weniger bereisen als Ame­rika, obwohl es viel näher liegt, sind sie gegenüber den Amerikanern gern überheblich. Zu viel Fast Food, zu große Au­tos und dann auch noch Fracking-Gas. Das hat die Deutschen allerdings nie am Nachmachen gehindert, beim Big-Mac-Essen so wenig wie beim Bauen und steuerlichen Fördern von SUVs. Wer weiß: Angesichts der heraufziehenden Not durch den Verzicht auf russisches Gas könnte sich sogar der Widerstand ge­gen das Fracking verringern. Eine schon 2016 von der damaligen Bundesregierung eingesetzte Kommission ist schon im vorigen Jahr zu der Auffassung gelangt, dass die Risiken von Fracking überschaubar wären, wie die F.A.S. berichtete.

Auf einem Feld haben die Deutschen allerdings weitgehend auf das Nachahmen des amerikanischen Verhaltens verzichtet. Bei den Waffen. Was das Privat­leben angeht, so ist das ein Segen, wie die Exzesse durch Schusswaffengebrauch im amerikanischen Alltag beweisen. Aber vor allem in den zurückliegenden drei Jahrzehnten, seit dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums, verzichtete die Bun­desrepublik immer weitgehender auf eine Bewaffnung zur Verteidigung des eigenen Landes und der europäischen Nachbarn, die der Größe und Wirtschaftskraft des Landes entsprochen hätte.

Das geschah in dem tiefen Bewusstsein, dass es Amerika schon richten würde, sollte der (stets ausgeblendete) Ernstfall eintreten. Dieses Bewusstsein ließ sich mühelos kombinieren mit Empörung über amerikanischen Militarismus.

Ohne Amerika wären wir verloren

Noch nie drohte den Deutschen diese Haltung so auf die Füße zu fallen wie jetzt. Zwar wurde schon in den Neunzigerjahren des vorigen Jahrhunderts in den Balkankriegen klar, dass Deutschland nur mit- oder hinterherfliegen konnte und ohne die Amerikaner gar nichts gegangen wäre. Nämliches galt auch für den Afghanistaneinsatz, bei dem die Bundeswehr eine wichtige Rolle über viele Jahre gespielt hat. Aber vollends deutlich wird die im Wortsinne existenzielle Abhängigkeit von den militärischen Kräften der Vereinigten Staaten durch den Angriffskrieg Moskaus auf die Ukraine. Sollte der sich auf das NATO-Territorium ausdehnen, wäre Deutschland ohne Amerika und seine Waffen verloren.

Hat Antiamerikanismus auch hierzulande befeuert: Der Irakkrieg im Frühjahr 2003 (hier Bombardierungen Bagdads am 20. März 2003) : Bild: AFP

Dass das ausgerechnet so klar wird, wenn Deutschland von einer rot-grünen Regierung (mit FDP-Partner) geführt wird, hat eine gewisse Folgerichtigkeit. Es war die politische Linke, die im vorigen Jahrhundert das Bild vom fried­liebenden Deutschen mit dem Anrennen gegen den amerikanischen Militarismus vermischt hat. In einer ersten Zeitenwende musste eine rot-grüne Bundesregierung Ende der Neunzigerjahre des vorigen Jahrhunderts dieses Bild korrigieren. Doch kaum hatte der damalige Kanzler Schröder Washington nach den Anschlägen vom 11. September „uneingeschränkte Solidarität“ versprochen, nutzte er den Antiamerikanismus im Wahlkampf, als er die Kritik am Irakkrieg Wa­shingtons auf die Spitze trieb.

Rückgriff auf den „Bombenterror“

Ralf Fücks, einer der klugen Analytiker unter den Grünen, hat diese Doppelzüngigkeit im Frühjahr in einem Interview mit dem „Stern“ beschrieben. Er er­innerte daran, wie seine Partei in den Achtzigerjahren gegen die Stationierung amerikanischer atomarer Mittelstreckenraketen in Deutschland protestierte. Es ha­be zwar einen Flügel gegeben, der solidarisch mit den Dissidenten und Bürgerrechtsbewegungen in Osteuropa gewesen und für Abrüstung in West und Ost eingetreten sei. „Aber die Mehrheit stellte die amerikanischen Atomraketen als die ei­gentliche Gefahr dar, nicht die rus­sischen.“

Da solle man sich „nichts in die Ta­sche lügen“. Das Verhältnis der Deutschen zu Amerika, so sagte Fücks, sei „immer zutiefst ambivalent“ gewesen. Die Faszination für die Moderne sei gepaart mit „tief sitzender Antipathie“. Fücks, Jahrgang 1951, erinnerte sich an Gespräche aus seiner Kindheit bei Familientreffen. Da sei es immer wieder um den amerikanischen „Bombenterror“ im Zweiten Weltkrieg gegangen. Dieses Nar­rativ habe sich fortgepflanzt bis in die Proteste gegen den NATO-Einsatz im Kosovokrieg.

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Die jetzige Zeitenwende, die zweite nach der im vorigen Jahrhundert, muss also nicht nur den Blick auf das eigene Land und auf Russland korrigieren. Sie muss auch die bigotte Mischung aus ei­nem mit vermeintlicher eigener Friedensliebe verkleisterten Antiamerikanismus und dem Kuscheln unter dem militärischen Sicherheitsdach, das Washington bietet, endlich beenden.

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